"In meinen Skulpturen beschreibe ich die Traditionen, in denen ich aufgewachsen
Die Bildhauerin, von der dieses Zitat stammt, ist die bekannteste Künstlerin Zimbabwes.
Die Steinbildhauerei aus Zimbabwe übergeordnet thematisch erfassen zu wollen ist schwierig,
Müssen nun die Ethnologen den Kunsthistorikern bei der wissenschaftlichen Betrachtung der
In der Religion der Shona kommen, neben dem Himmelsgott mwari, den Ahnengeistern eine zentrale
Das Wissen um diese Macht der Ahnen, der Glaube an die ständige Gegenwart der Verstorbenen und
Neben dem Bezug zur Welt der Ahnengeister greifen viele zimbabwische Bildhauer die Mythologie ihres
Über die Gründe für die in der Steinbildhauerei Zimbabwes feststellbare starke thematische Orientierung an
Ohnehin wenden sich inzwischen eine Reihe von zimbabwischen Bildhauern verstärkt gegenwartsbezogenen Themen zu.
(Text aus: Eckart Rohde/Helmut Rohde, Beseelte Steine. Steinskulpturen aus Zimbabwe, Hamburg 1998)
bin, und erhalte sie so für meine Kinder".
In ihren Arbeiten, deren beschreibende Metaphorik stark durch weibliche Merkmale gekennzeichnet
ist, greift Agnes Nyanhongo oft Elemente der Shona-Mythologie auf, wie den "Water Spirit"
oder den Chapungu-Adler. In ihrem Werk findet sich aber auch ein klarer Gegenwartsbezug.
So thematisiert Nyanhongo - wenngleich längst nicht so vehement wie ihre Bildhauerkollegin
Colleen Madamombe - immer wieder frauenspezifische Belange.
wenn nicht gar unmöglich. Der in der Literatur gerne verwendete Begriff "Shona-Skulptur" als
Bezeichnung für die Kunstrichtung verführt zu der Vorstellung, es handele sich hierbei um eine
Art "Stammes"-Kunst. Dazu muss zunächst einmal festgestellt werden, dass auch Angehörige anderer
in Zimbabwe beheimateter Völker bildhauerisch tätig sind und somit also der Terminus "Shona-Plastik"
irreführend ist. Zudem gibt es in diesen sehr unterschiedlichen Kulturen für die Plastiken weder
stilistische noch traditionell-formale Vorbilder: Sieht man von den angesprochenen Siri ne Zimbabwe
ab, so liegt der Kunstrichtung keine überkommene Ikonografie zugrunde. Allerdings rekurrieren viele
Bildhauer in ihren Werken thematisch auf Religiös-spirituelles ihrer Kultur und arbeiten in Stein
bedeutende Elemente der Traditionen ihres Volkes auf.
zimbabwischen Steinbildhauerei den Vortritt lassen oder umgekehrt? Sollen Völkerkundemuseen
oder besser Galerien die Skulpturen ausstellen? Vielleicht sollten Vertreter beider Spezien
das Untersuchungsfeld bestellen, und beide Institutionen können sich wohl zu Recht gleichermaßen
dazu berufen fühlen, auszustellen.
Bedeutung zu, da sie auf unterschiedliche Weise Einfluss auf das Dasein der Lebenden nehmen können.
So üben die mhondoro als Ahnengeister der Herrschenden u.a. Schutzfunktionen für das Volk aus,
beeinflussen das Wetter sowie die Fruchtbarkeit des Landes. Ihnen zur Seite gestellt sind die
Familiengeister, die mudzimu, die den Schutz des einzelnen Familienmitglieds übernehmen. In einer
Zwischenwelt herumirrende menschliche Geister können in Menschen oder Tiere eindringen und als
mashave gute, als ngozi böse Eigenschaften und Kräfte zeitlebens übertragen. Sie teilen sich
durch ein "Spirit Medium" svikiro den Lebenden mit.
die Vorstellung, dass scheinbar unbelebte Natur beseelt ist, findet sich fast schon leitmotivisch
in vielen Steinplastiken zimbabwischer Bildhauer wieder. Oft werden große Köpfe und große Augen
metaphorisch als Stilmittel verwendet - so zum Beispiel in Arbeiten der Brüder Boira und Richard Mteki
– um allgemein die alles sehende Kraft der Ahnengeister hervorzuheben. Das Ineinandergreifen von
Diesseits und spiritueller Welt der Ahnen wird auf sehr unterschiedliche Art thematisiert: Joram
Mariga deutet es stilistisch in Communicating with the Earth Spirit durch den Übergang von hell
schraffierten und dunkel polierten Flächen an. Sylvester Mubayi beschreibt gerade in seinem Frühwerk
die enge Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der der Toten figürlich durch ein Übergangswesen,
den "Skeleton Man". Motivisch wird der Skelett-Mensch später auch von anderen Künstlern aufgegriffen.
Der Chapungu-Adler, der nach Vorstellung der Shona die Seelen verstorbener Herrscher ins Jenseits bringt,
durchzieht vielgestaltig das Repertoire wohl jeden Bildhauers in Zimbabwe; fraglos am Expressivsten hat
ihn Brighton Sango in kubistischer Form dargestellt. Auch das „Spirit Medium“ als Vermittler zwischen
den Welten hat sich bei vielen Künstlern immer wieder in Stein materialisiert, besonders in Nicholas
Mukomberanwas Werken Mediator und Man in a Trance. Mukomberanwa wurde übrigens wegen seiner Vorliebe,
Ahnengeister zu schnitzen, als Jugendlicher von einer Missionsschule verwiesen. Moses Masaya thematisiert
dagegen in seinem Werk die Ambivalenz von gutem und bösem Einfluss der Geister, so u.a. in Spirit Protecting
Woman und Vengeful Spirit. Die Plastiken von Locardia Ndandarika Spirit Owl, Sylvester Mubayi Mudzimu Bull
und Bernard Takawira Spirit Emerging from the Rock zeigen schließlich, dass Ahnengeister jederzeit auch Tiere
oder amorphe Gegenstände beseelen können.
jeweiligen Volkes als Vorlage für ihre Werke auf. Bestimmte Elemente der Mythen, aber auch mit zumeist
moralischem Unterton behaftete Sprichwörter und Fabeln werden in Stein künstlerisch umgesetzt und an
nachfolgende Generationen weitergegeben. Steinplastiken treten so in gewisser Weise neben die für
afrikanische Kulturen so typische Form der mündlichen Überlieferung. Ein zentrales Motiv der Shona-Mythologie
ist die Metamorphose. Die absonderliche Verwandlung von Mensch in Tier, die Möglichkeit, sich dessen gute
oder schlechte Eigenschaften anzueignen, wird immer wieder von Künstlern in sehr unterschiedlicher Form
ausgestaltet. Bei Bernard Matemera verwandeln sich dabei die Menschen, wie in seinem monumentalen Man Changing
into a Hippo, in groteske Geschöpfe. Damian Manuhwa zeigt in seinen Antilopen-Menschen, dass die Metamorphose
durchaus auch elegante und grazile Wesen hervorbringen kann. Manche Skulpturen erzählen ganze Fabeln.
So berichtet Thomas Mukarobgwas Too Heavy to Carry My Two Friends von einer Zeit, als Menschen und Tiere
friedlich zusammenlebten; Josiah Manzis Baboon Stealing the Mealie Guard's Child erzählt wie ein Kind von
einem Pavian gekidnappt und großgezogen wird.
religiöser Tradition und Mythologie wird in der Literatur diskutiert. Lässt sich die typische Ikonografie
und der den Werken gemeinsame Themenbezug mit "kollektiver Eingebung", dem "kollektiven Bewusstsein der
Stammeskultur" erklären, wie Überzogen interpretiert wird? Folgen die Bildhauer bedeutungsschweren Träumen,
die sie von "unsichtbarer Kraft geleitet in den Stein umsetzen", wie einige von ihnen behaupten? Versuchen sie,
über die Bildhauerei ihre kulturelle Identität vor westlicher Überfremdung zu schützen? Oder bedienen die Künstler
schlicht den Geschmack westlicher Sammler, die sich stärker von der mystischen Symbolkraft eines Werkes ansprechen
lassen, als von dessen Ästhetik? Eine Antwort hierauf kann an dieser Stelle nicht gegeben werden - muss sie
vielleicht auch gar nicht. Denn für das Verständnis der Plastiken ist es letztlich unerheblich, von welcher
Motivation der Künstler bei ihrer Erschaffung geleitet wurde.
Brighton Sango und Tampfuma Gutsa halten ganz bewusst Distanz zur eigenen Kultur. Gutsa kritisiert in einigen
seiner Arbeiten die postkoloniale Gesellschaft Zimbabwes und fordert wie in Ya Asantewa ein stärkeres afrikanisches
Selbstbewusstsein. Agnes Nyanhongo und Colleen Madamombe greifen Szenen aus dem Alltagsleben von Frauen auf.
Dominic Benhura stellt sich mit seiner Skulptur Our HIV-Friend der gravierensten Gegenwartsproblematik Zimbabwes
- Aids. Ähnlich wie Joseph Muzondo in seinem Werk Bringing the Sad News plädiert er für eine stärkere Anteilnahme
an menschlichen Gefühlen. Und Nicholas Mukomberanwa thematisiert mit The Corrupting Power of Money eines der
Hauptübel des Landes: Korruption und die Korrumpierbarkeit der Herrschenden.