Ursprung und Entwicklung der
Steinbildhauerei in Zimbabwe

 

In Zimbabwe hat sich eine Bildhauerszene etabliert, die zu einer der bedeutendsten weltweit avanciert ist. Quasi aus dem Nichts ist im südlichen Afrika eine Kunstrichtung entstanden, die in wenigen Jahrzehnten die Beletage der westlichen Kunst- und Kulturszene erobert hat und in einem Artikel der amerikanischen Newsweek 1987 als "wahrscheinlich eine der wichtigsten Kunstformen dieses Jahrhunderts" bezeichnet wurde. Renommierte Ausstellungsadressen wie das Museum of Modern Art in New York, das Musée Rodin in Paris, die Opera Hall in Sydney, die Expo92 in Sevilla und die Biennale in Venedig unterstreichen diese Tatsache nur zu deutlich.

 

Wo liegen nun die Wurzeln der Bildhauerkunst Zimbabwes? In den Siri ne Zimbabwe, den steinernen Vogelplastiken aus dem 15.Jahrhundert, die in den gewaltigen Ruinen von Great Zimbabwe gefunden wurden? Diese These ist genauso verlockend wie fragwürdig. Zwar greifen heute einige Bildhauer den "Zimbabwe Bird" immer wieder motivisch in ihrem Werk auf, daraus aber eine künstlerische Tradition abzuleiten wäre naiv.

 

Die Ursprünge der zeitgenössischen Bildhauerei reichen bis in die 50er Jahre zurück. In Salisbury, der Hauptstadt der britischen Kolonie Südrhodesien, hatten damals Touristen an Specksteinschnitzereien Gefallen gefunden und dadurch einen begrenzten Markt für Steinskulpturen geschaffen. Dabei handelte es sich allerdings um immergleiche realistische Tierfiguren in diversen Größen, also eher Kunsthandwerk denn Kunst.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joram Mariga

 

Am Anfang der eigentlichen Bildhauerkunst Zimbabwes standen vielmehr ein querdenkender Engländer sowie ein einheimischer Landwirtschaftsberater: Frank McEwen arbeitete als Kunstreferent der Britischen Botschaft in Paris, bevor er 1957 den Posten als Direktor der Rhodesischen Nationalgalerie in Salisbury übernahm. Joram Mariga arbeitete in seiner Freizeit mit Stein, schnitzte Specksteinfiguren, experimentierte aber auch mit harten Steinsorten wie dem schwarzen Serpentin. Ermutigt durch die Künstlerin Patricia Pearce, zeigte er McEwen 1962 einige seiner Werke.

 

McEwen hatte schon vorher das kreative Potential der Afrikaner erkannt und unter der Kritik des weißen Establishments in der Nationalgalerie einen Malerei-Workshop für afrikanische Künstler eingerichtet. Beeindruckt von den Arbeiten Marigas und den Werken anderer einheimischer Bildhauer, die mit der kunsthandwerklichen Skulpturenproduktion für Touristen gebrochen hatten, bildete die Bildhauerei fortan einen Schwerpunkt in seiner Werkstattschule.

 

Wie ein Magnet zog die Schule schon bald Bildhauertalente aus anderen Landesteilen an. Geleitet von den Theorien Gustave Moreaus ließ McEwen den Künstlern freie Hand: Nur selten bot er Hilfestellungen an; statt dessen ermutigte er den einzelnen, sein künstlerisches Potential selbst zu entdecken und zu entwickeln. Der Erfolg gab dieser Methode Recht. Die jährlich in der Nationalgalerie ausgestellten Werke verschiedener Künstler fanden wegen ihres individuell ausgeprägten Stils und ihrer ausgefallenen Thematiken bei einem internationalen Publikum schnell Anerkennung.

 

Joram Mariga widmete sich derweil neben der eigenen Arbeit der Ausbildung des bildhauerischen Nachwuchses in seiner Heimat Nyanga, im östlichen Hochland von Zimbabwe. Man kann ihn zurecht als künstlerischen Ziehvater gleich einer ganzen Generation später berühmt gewordener Bildhauer bezeichnen, darunter die Takawira-Brüder John, Bernard und Lazarus, Moses Masaya, Bernard Manyandure sowie Crispen Chakanyuka. Darber hinaus stellte er 15 Grundregeln auf, die angehende Bildhauer berücksichtigen sollten. So forderte er u.a., sich nicht dem europäischen Touristengeschmack zu verschreiben und naturalistische Tierfiguren zu fertigen, nur um besser verkaufen zu können, sondern kreative Neuschöpfungen zu wagen, die thematisch die Tradition und Kultur des eigenen Volkes aufgreifen.

 

Auf Marigas Vorschlag hin kaufte McEwen 1967 in Nyanga ein 40 qkm großes Gebiet und gründete zusammen mit dem Bildhauer Sylvester Mubayi die Künstlerkolonie Vukutu. Das abgelegene Vukutu und die ein Jahr zuvor vom Tabakpflanzer Tom Blomefield gegründete Künstlergemeinde Tengenenge bildeten bis in die siebziger Jahre die wichtigsten Bildhauerzentren Zimbabwes. In dieser Zeit begann McEwen erstmals, auch Ausstellungen außerhalb des Landes zu organisieren, darunter in New York und Paris. Hier sammelten heute weltbekannte Künstler wie Nicholas Mukomberanwa und Henry Munyaradzi ihre ersten Meriten.

 

Allerdings wurde es für McEwen im Rhodesien der Rassentrennung unter Ian Smith immer schwieriger, materielle Unterstützung für die Nationalgalerie und die mehrheitlich afrikanischen Künstler seiner Werkstattschule zu erhalten. Während "Shona-Skulpturen" in der internationalen Kunstszene hoffähig wurden, stand ein Teil der weißen Öffentlichkeit im eigenen Land dieser Kunst verachtend gegenüber. Man interpretierte sie als politisch motiviert, Künstler wie John Takawira wurden zeitweilig verhaftet.

 

Durch die Kriegswirren des Unabhängigkeitskampfes geriet die Bildhauerbewegung ab Mitte der siebziger Jahre vorübergehend ins Stocken. Viele Künstler kehrten aufgrund internationaler Isolation und wirtschaftlicher Depression ihres Landes zu ihren herkömmlichen Tätigkeiten zurück. Erst im unabhängigen Zimbabwe griffen einige von ihnen wieder zu Hammer und Meißel. Finanziell unterstützt werden sie dabei von privaten Galeristen, vor allem dem Südafrikaner Roy Guthrie. Seit Anfang der achtziger Jahre organisierte Guthrie im Rahmen seiner Gallery Shona Sculpture größere internationale Ausstellungen. Der von ihm aufgebaute Chapungu Sculpture Park am Stadtrand Harares hat derzeit den weltweit größten Bestand an Skulpturen zimbabwischer Bildhauer und bietet gleichzeitig dem künstlerischen Nachwuchs Arbeitsmöglichkeiten. Die Hauptstadt Harare ist heute das Kunst- und Galerien-Zentrum Zimbabwes. Hier oder zumindest in der Nähe der Stadt lebt und arbeitet ein Großteil der herausragenden Bildhauerpersönlichkeiten des Landes, darunter Fanizani Akuda, Dominic Benhura, Damian Manuhwa, Joram Mariga, Richard Mteki, Nicholas Mukomberanwa, Agnes und Gedion Nyanhongo, Lazarus Takawira. Die in der Nationalgalerie stattfindende Zimbabwe Heritage Exhibition, die jährlich den Bildhauern ein wichtiges Forum bietet, hat sich in der internationalen Kunstszene als eine der bedeutendsten Ausstellungen zeitgenössischer Kunst auf dem afrikanischen Kontinent etabliert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Chapungu Sculpture Park, Harare

 

Den hohen künstlerischen Stellenwert der Steinbildhauerei made in Zimbabwe hat man inzwischen auch in Deutschland erkannt. In Zusammenarbeit mit Chapungu Sculpture Park veranstaltete Großausstellungen, wie 1995 im Westfalenpark Dortmund, 1998 im Botanischen Garten Hamburg oder 1999 im Palmengarten Frankfurt, erfreuen sich einer bemerkenswerten Resonanz in der Öffentlichkeit. Daneben haben sich auch Galerien auf diese Kunstrichtung spezialisiert. So zeigt die Galerie Shona in Hamburg das weite Spektrum der Formensprache zimbabwischer Steinplastik: die Expressivität teilweise Archaik eines Nicholas Mukomberanwa und Bernhard Takawira, den Minimalismus, mit dem es Henry Munyaradzi immer wieder verstanden hat, den Stein zu beseelen, den afrikanischen Kubismus von Brighton Sango, die Grazie und Leichtigkeit der Werke eines Joe Mutasa, die Klarheit und Ruhe der Frauenskulpturen von Agnes Nyanhongo oder die Verspieltheit der Figuren von Jonothan Mhondorohuma.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Botanischer Garten Hamburg

 

Bei näherer Beschäftigung mit der Steinkunst aus Zimbabwe erkennt man schnell deren einzigartigen Facettenreichtum in bezug auf Themen- und Formenvielfalt. Junge Künstler wie die Nyanhongo-Geschwister, Mutasa oder auch Tampfuma Gutsa und Dominic Benhura geben immer wieder neue Richtungen vor und gerade in dieser Impulsgebung liegt die Zukunft der simbabwischen Bildhauerei.

 

(Text aus: Eckart Rohde/Helmut Rohde, Beseelte Steine. Steinskulpturen aus Zimbabwe, Hamburg 1998)

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